Mein liebster Feind, Teil 2 – Die andere Perspektive

Vielleicht fragt Ihr Euch, warum ich nach dieser “Begrüßung” nicht selbst die Brocken hingeworfen habe. Schließlich zeichnete sich unmittelbar und deutlich ab, dass mein Werden und Wirken hier kein Spaziergang werden würde. Nun, das hatte zwei Gründe: Zum Einen hatte ich keine nennenswerten Alternativen. Zum Anderen wollte ich Björn beweisen, dass Frauen doch fotografieren können. Ziemlich naiv. Ich weiß.

Aber irgendwie war ich damals der festen Überzeugung, dass ich einfach nur gute Fotos machen müsste, um den bellenden Björn beruhigen zu können. Und dafür stellte ich einiges an.

Zum Beispiel überredete ich mal den Geschäftsführer eines schaumstoffverarbeitenden Unternehmens, dessen Mitarbeiter den Laden nach der Wende selbst übernommen und erfolgreich weitergeführt hatten, seine gesamten Schaumstoffreste in den Innenhof zu schütten. Und seine Mitarbeiter dann vom Garagendach dort hinein springen zu lassen. Die Aktion dauerte einen guten halben Tag. Und ich hab keine Ahnung, wie lange die später brauchten, um das ganze Zeug wieder aufzuräumen.
Aber die Layouter waren verzückt und es wurde ein Aufmacherfoto. Björn ignorierte mich. Schließlich hatte nicht er mir den Termin gegeben, das war einer der Redakteure gewesen. Er weigerte sich ja, mir Termine zu geben.

Und vergiss die Socken nicht

Ein anderes Mal nahm ein Kollege mich mit, um eine nette alte Dame zu portraitieren, die über neunzig Jahre alt war, aber noch immer allein auf ihrem Hof lebte. Sie bestellte noch ihren Garten selbst, erntete ihre Kartoffeln selbst, und sie hatte ein bezauberndes Wesen. Ich hatte mich spontan in sie verliebt und fotografierte sie mit ihrem Kopftuch, ihrer Schürze, in ihrem Garten zwischen ihren Kartoffeln, und als Detail fotografierte ich ihre alten schmalen Hände, denen man ansehen konnte, dass sie Arbeit gewohnt waren. Und ihre ausgetretenen Schlappen, in denen kleine Füße in selbstgestrickten Socken steckten, die an den Fersen schon ziemlich durchgescheuert waren. Letztere hatte ich eigentlich mehr für mich fotografiert, vielleicht um mir selbst nochmal zu verdeutlichen, dass diese alte Dame mit sehr wenig auskam, sicher kein leichtes Leben geführt hatte, und dennoch so eine Herzlichkeit und Freude ausstrahlte, dass es einen schon glücklich machte, wenn man ihr ins Gesicht sah.
Ich zog diese Bilder später im Labor für mich mit ab, doch sie landeten mit den anderen für den Druck in Björns Händen. “Was soll das denn? Kaputte Socken? Du hast kaputte Socken fotografiert??” Schnaufend und knurrend entfernte er sich zum Tisch der Layouter und schmiss ihnen meine Fotos auf den Anriss. “So, da, Euer Püppchen hat Socken fotografiert. SOCKEN!!!” Ich schlich bang hinterher und hörte mir seine Tirade an. Ich wusste da schon, dass es nicht helfen würde zu erklären, dass dieses Foto nicht für den Druck gedacht gewesen war.

Doch unser Chef-Layouter sah das anders: “Das ist ja cool!” sagte er. Lange schaute er sich das Foto mit den Füßen in den alten Gartenschlappen in den durchgescheuerten Wollsocken an. Dann begann er, die Fotos für die Geschichte der alten Dame zu arrangieren. Neben dem Aufmacherfoto von ihr in ihrem Garten landete auch ein Foto von ihr mit unserem Redakteur beim Spaziergang in unserer Zeitung. Und – das mit den Socken…

Björn tobte: “WAS machen wir hier eigentlich für ein Blatt??!!”

Mach es anders!

Einmal, da blieb ihm nichts anderes übrig, als mich zu beauftragen, weil alle anderen Fotografen bereits für Termine eingeplant waren. Es ging um das Richtfest einer großen Brauerei. Keine große Sache. Er blaffte mich an, dass ich nicht mit einem Foto zurück kommen sollte, das alle anderen Redaktionen auch haben würden.

Der Klassiker bei Richtfesten: Gebäude von außen, Richtkranz auf dem Dachstuhl, Bauherren mit Bauhelmen beim Handshake mit den Zimmerleuten. Ich trottete erst mit der Kollegenhorde beim offiziellen Fototermin mit und absolvierte die Pflicht. Doch für die Kür musste es etwas Besonderes sein. Ich wollte von oben fotografieren. Aber wir hatten ja nix: Keinen Hubschrauber, keine Fotodrohne. 😉

Also fiel meine Wahl auf den 60 Meter hohen Baukran, der es mir ermöglichen sollte, das Gebäude von oben abzulichten. Ein kopfschüttelnder Bauarbeiter folgte mir zu meiner Sicherung die Kranleiter hoch. Sicherung hieß damals: Wenn ich gefallen wäre, wären wir beide gefallen. Ich mit Glück nur etwas weicher.

In der Dunkelkammer frohlockte ich über gelungene Fotos, die Anstrengung und das leicht schwummrige Gefühl in 60 Metern Höhe hatte sich gelohnt. Björn sagte – nichts.

Das war so ziemlich die höchste Form der Anerkennung, die er sich abringen konnte.

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2 Comments

  • Ruth Kumpernatz

    wie herrlich, sandra!
    man kann sich so richtig schön hineinfühlen in deine fotografenwerdung, in dieser umgebung, diesem vorgesetzten, diesem verlag, den wir uns erahnen können, du sagst ja nix genaues, aber man ahnt alles 🙂
    ganz liebe grüße
    ruth

    • sandra

      Danke, liebe Ruthi! 🙂

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