Mein liebster Feind, Teil 4 – Spring doch

Eure Eltern haben Euch sicher auch schon mal gefragt: “Wenn Dein Kumpel sagt ‘Spring in den Rhein!’, dann springst Du auch, oder was?!” Diesen Spruch hörte ich immer dann, wenn ich irgendwas erquengeln wollte, was meine Freundin schon hatte oder durfte. Aber nein, Björn sagte nicht: Spring! Ich sagte: Ich springe. Bungee. Und das kam so:

Björn kam gewohnt großspurig von einem Termin zurück, der besonders aufregend war: Die Bungee-Leute waren in der Stadt, mit einem 50-Meter-Autokran, den sie mit einer Gondel über den Stadtsee schwenkten, von der sich Adrenalin-Junkies gesichert mit einem dicken Gummiseil in die Tiefe stürzen konnten. Björn war in dieser Gondel mit hoch gefahren, um von oben Fotos von Springern machen zu können. Und nun strunzte er rum: “Na, traut sich jemand, das zu machen? Traut sich jemand zu springen? Nee, ne? Ihr seid alles Luschen, alle! ICH springe, ICH mach das.”

Bungee-Springen war damals noch was ganz Neues, und ich hörte an diesem Tag zum ersten Mal davon. Die Kollegen sonderten ein paar solidarische und humorvolle und zustimmende Sprüche darüber ab, dass er mal ruhig springen solle. Aber niemand wollte sich von ihm herausfordern lassen. Niemand – außer mir.

Während die anderen noch flachsten und lachten, sagte ich: “Ich springe mit.” Die anderen lachten noch lauter, aber dann merkten sie, dass es mir todernst war. Ich sah Björn mit festem Blick an und wiederholte: “Wenn Du da runter springst, Björn, dann springe ich auch.”

Irgendwas flackerte da in seinem Blick, was ich nicht zuordnen konnte. Aber dann piesakte er rum: “DU? Du Mäuschen? Das will ich sehen! Du machst Dir da oben doch ins Höschen!” Und dann lachte er schallend über seinen eigenen Spruch und winkte ab.

Doch ich nagelte ihn fest. Ein andere Kollege sprang mir bei: “Na, das werde ich dann mal dokumentieren. Ich komme auch mit. Mit der Kamera.”

So fanden wir uns alle am Stadtsee wieder, Björn, Fotokollege Theo und ich. Und lauschten den Instruktionen des Bungee-Teams. Warum ich die erste war, die im Sprunggeschirr landete, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Und auch überhaupt an nicht mehr viel, was nicht unmittelbar mit meinem Sprung zu tun hatte.

Ich erinnere mich an die unendlich lange Zeit, die die Gondel brauchte, um oben anzukommen. Ich erinnere mich an den Instrukteur, der mit Walkie-Talkie und – wie ich gesichert mit Karabinern – auf der anderen Seite der Gondel hing und mir weiterhin ruhig Instruktionen gab. Und ich erinnere mich, dass er STOPP sagte, als ich schon oben, entsichert und bereit zum Sprung war.

Und da stand ich dann nun, mit einem schweren Gummiseil an den Füßen, entsichert, mit seitlich ausgestreckten Armen, auf einer Planke – und durfte mich nicht bewegen. Denn unter mir auf dem See hatte gerade ein Schwan beschlossen, seine Kreise zu paddeln. Und auch wenn ich nicht vor hatte, einzutauchen, so hätte es doch zu einer bösen Kollision kommen können.

Das war dann schon ein Moment, wo ich mich darauf konzentrieren musste, mir eben nicht ins Höschen zu machen ;). Aber die Aussicht war schön. Und dann kam endlich das ersehnte: “Go!” Ich ließ mich vorne über fallen, schrie mich frei, fühlte wie das Gummiseil sich langsam straffte und meinen Fall bremste und bouncte dann noch ein paar mal hoch und runter, bis ich nur noch hing und der Kran mich wieder über festen Boden unter den Füßen schwenkte.

Völlig aufgeputscht ließ ich mich aus dem Geschirr befreien und rannte zu Theo, der meinen Sprung dokumentiert hatte. Und sah mich um. “Wo ist denn Björn?” Er stand nicht in der Schlange der Springer, und er war auch nicht der Typ, der gerade als nächstes mit der Gondel hochgezogen wurde.

Theo grinste breit. “Der hat einen Anruf bekommen, dringender Termin, musste leider weg.” Richtig, Björn war mit seinem eigenen Auto gefahren. Und hatte den Telefonkoffer eingepackt. C-Netz hatten wir damals ja schon. Also EIN C-Netz-Telefon für die ganze Redaktion. Und klar, dringende Termine gingen natürlich immer vor…

Später in der Fotobude beteuerte er zwar, dass er später noch springen würde. Aber da ist es nie zu gekommen. Die Bungee-Leute waren einfach wieder zu schnell weg gewesen. 😉

Ich bin mir ehrlich gesagt heute nicht mehr ganz so ganz sicher, was mich wirklich bewogen hatte, von einem Autokran zu springen. Ich glaube, damals wollte ich mir einfach immer noch Björns Respekt erkämpfen. Aber ich weiß ganz sicher, dass ich meinen inneren Schweinehund nicht ohne Anlass überwunden hätte.

Dass ich mit der Aktion noch mehr Unwillen auf mich ziehen könnte, darüber habe ich nicht so nachgedacht…

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